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 Weihnachtsgeschichten
Tinkerbelle Offline




Beiträge: 824

09.11.2007 21:55
RE: weihnachtserinnerungen Antworten

„Ist der Baum schief?“, fragte Neele.
„Nicht schiefer als sonst.“
Sie boxte ihn scherzhaft in die Seite und lächelte. „Komisch wieder hier zu sein, oder?“
Tom warf das übrig gebliebene Lametta in die Kiste unter der Fensterbank, bevor er den Blick durch den Raum schweifen ließ. An dem eingerahmte Bild auf der Kommode verharrten seine Augen einen Moment, dann blickte er wieder zu seiner Stiefschwester, die kerzengerade auf dem zerschlissenen Ledersessel saß, die Schultern angespannt, die Arme seitlich auf den Armlehnen. Als ob sie jeden Moment darauf wartete hochzuspringen.
„Du hast es nie richtig gelernt dich in diesem Haus zu entspannen, oder?“, fragte er, den Blick nun wieder auf das Foto gerichtet. „Wie denn auch“, erwiderte sie fast schnaubend. Ihre Hände krallten sich in das alte Leder. „Entweder er hat er uns betrunken durchs halbe Haus gejagt, oder einen seiner sentimentalen Ausbrüche gehabt, bei dem er jeden Moment los schreien konnte.“ Sie folgte seinem Blick, stand vom Sofa auf und nahm das Foto von der Kommode. Es zeigte eine Familie: Vater, Mutter und zwei Kinder. Es war im Wohnzimmer aufgenommen worden, an einem Weihnachtsabend vor zehn Jahren. Die Tapete war damals braun gemustert gewesen, aber an der Einrichtung hatte sich nichts geändert.
Dieselbe Couch, derselbe Tisch. Sogar dieselbe vergilbe Deckenleuchte.
„Sie hat vorhin zu mir gesagt, sie wünschte er wäre hier. Sie hatte Tränen in den Augen. Ich begreife das nicht.“ Als ob es ein besonders zerbrechlicher Gegenstand wäre, stellte sie das Bild zurück an seinen Platz. „Sie vermisst ihn“, meinte Tom.
Neele lachte kurz auf und wirbelte zu ihm herum. „Nimm sie auch noch in Schutz“, sagte sie in gehässigem Tonfall, schluckte ein paar gehässigere Wörter hinunter und setzte sich wieder auf den Sessel.
„Sieh mal“, begann Tom mit seiner nachsichtigen Art. Die Art, wie er vermutlich seinen begriffsstutzigen Schülern etwas erklärte. Sie funkelte ihn wütend an und wandte demonstrativ den Kopf ab, als er sich ihr näherte. Zaghaft legte er eine Hand auf ihre Schulter, die sie sogleich wieder abschüttelte. „Sie hatte sonst niemanden. Mein Vater war ein Tyrann. Ein Trinker. Ein Arschloch. Aber er war alles, was sie hatte.“
„Sie hatte mich. Uns.“
Tom kniete sich neben den Sessel und suchte den Blick von Neele, die ihm weiterhin auswich. „Als mein Vater deine Mutter geheiratet hat, dachte ich es würde alles besser werden. Ich dachte er würde weniger trinken. Anfangs lief ja auch alles gut. Du erinnerst dich vermutlich nicht mehr daran, du warst noch zu klein, aber wir hatten zwei wunderschöne Jahre in diesem Haus.“
„Du hast recht. Ich erinnere mich nicht mehr daran.“
„In dem einen Jahr hast du Bendo zu Weihnachten bekommen. Von ihm.“
Nun drehte sie den Kopf herum und starrte ihn mit offenem Mund an. Er nickte. „Du hast schon im Sommer ständig mit diesem blöden Plüschhasen genervt, seit du ihn in dem Kaufhaus gesehen hast. Als Papa von der Arbeit gekommen ist, bist du auf seinen Schoß geklettert und hast ihm von Bendo erzählt. Er fragte, wer denn Bendo sei, und du meinstet, na der Hase im Geschäft, der neben dem Teddy sitzt. Papa hat gelacht, wie du ausgerechnet auf diesen Namen gekommen bist, aber du wolltest es nicht erzählen. Er hat mich mitgenommen, als er den Hasen gekauft hat. Ich war ziemlich angepisst, weil er für mich bestimmt noch nie im Herbst ein Weihnachtsgeschenk gekauft hatte.“
„Ich erinnere mich an Bendo. Aber daran, wie ich ihn bekommen habe, habe ich keinerlei Erinnerungen.“
„Du warst erst vier.“
„Wieso hat er wieder mit dem Trinken angefangen?“
„Es fing an, nachdem er seinen Job verloren hatte. Zuerst ging er nur einen Abend die Woche in die Kneipe. Dann zwei. Und dann kam er jeden Abend besoffen nach Hause und trank hier noch weiter.“
Tom stand auf, ging um den geschmückten Weihnachtsbaum herum und schaltete die Lichterkette an. „Ich kann mich daran erinnern, wie er mich anbrüllte, als ich hier vor dem Fernseher gesessen hab. Ich muss zehn gewesen sein. Er holte mit der Hand aus und drohte mich zu verprügeln, wenn ich nicht in mein Zimmer ginge.“
Neele räusperte sich und betrachtete den Baum. „Sieht schön aus. Ich hätte helfen sollen. Aber irgendwie kann ich mich mit dem ganzen Weihnachtskram immer noch nicht anfreunden.“
„Er hatte seine guten Seiten. Zeitweilig. Wenn die auch nur selten zum Vorschein gekommen sind. Ich will ihn nicht in Schutz nehmen. Ich versuche nur die Sicht deiner Mutter nachvollziehen zu können.“
Neele nickte zaghaft. „Wollen wir Mutti beim Kekse backen helfen? Ich glaube irgendwo hat sie noch diese Ausstechformen, mit denen wir uns früher beworfen haben.“
Tom lachte. „Ja. Einmal hast du mir fast ein Auge ausgeschlagen.“
„Spinner. Ich war viel zu klein dazu“, sagte sie lachend, griff nach einem Kissen und warf es in seine Richtung. Es verfehlte nur knapp den Tannebaum.
Tom hob es auf und drückte es wie ein Schutzschild an sich. „Ob sie Zimt im Haus hat?“
„Zimt, Haselnüsse, Puderzucker, Glasur und Kokosflocken“, sagte ihre Mutter wie aufs Stichwort, als sie im Türrahmen erschien. Sie trug ein geblümtes Kleid und hatte die grauen Haaren zu einem Dutt gebunden. Die Augen waren rotgerändert aber auf ihren Lippen zeigte sich ein Lächeln.
„Du hast den Baum hübsch geschmückt“, bemerkte sie, als sie ins Zimmer trat. „Blaue Kugeln habe ich am liebsten. Dein Vater war mehr für rot. Er fand das traditioneller.“
Ihr Blick wirkte auf einmal gedankenverloren, und das Lächeln auf ihren Lippen wie eingefroren. Seufzend ließ sie sich auf die Couch fallen, die Hände zu Fäusten geballt und auf den Knien abgelegt. „Weißt du noch, wieso ich meinen Hasen Bendo genannt habe, Mama?“
Ihre Mutter blinzelte ein paar Mal; sie wirkte beinahe überrascht sich in diesem Zimmer wieder zu finden. „Aber sicher weiß ich das noch“, sagte sie und lächelte ihre Tochter an. „Du kamst ein paar Tage, nachdem du den Hasen im Kaufhaus gesehen hast zu mir, hast dich auf meinen Schoß gesetzt und verkündet, dass der Weihnachtsmann dir bestimmt den Hasen schenken würde. Deswegen wolltest du dir schon einmal einen Namen ausdenken. Du hast mich gefragt wie dein Vater hieß. Denn du sagtest“, ihre Mutter lachte kurz, ihre Augen begannen zu leuchten, „du sagtest, die Augen von dem Hasen erinnerten dich an die Augen von deinem Papa. Der hätte auch immer so lieb geguckt. Ich sagte, dein Vater hieß Benjamin. Also wolltest du ihn so nennen. Du sprangst von meinem Schoss, ranntest aus der Küche und kamst dann gleich darauf wieder. Aber nun ist doch Domi mein Vater, hast du gesagt. Du nanntest ihn immer Domi, weil Dominik zu schwer für dich war. Ich sagte, ja nun ist Domi dein Papa. Du hast gegrinst und gemeint, irgendwie hätte der Hase ja auch was von ihm. Das graue Fell, hast du gesagt, weil Dominik graue Haare hatte.“ Wieder lachte sie bei der Erinnerung. Dann blickte sie ihre Tochter an, die gebannt zugehört hatte. „Also habe ich gesagt, nenne ihn doch Bendo. Ben für deinen Papa und Do für deinen Stiefpapa.“
„Komisch, was man so alles vergisst.“ Neele stand auf und ging ein wenig im Raum umher. Wieder nahm sie das Bild von der Kommode, umfasste den Rahmen mit beiden Händen und betrachtete jedes einzelne Gesicht. Es war eins der seltene Bilder, auf denen alle zusammen abgebildet waren Und auf denen alle glücklich wirkten.
„An Heiligabend hast du uns alle ganz verrückt gemacht. Immer wieder kamst du in die Küche gelaufen und hast gefragt, wann es denn los ginge. Dann hat Tom dich an die Hand genommen und mit dir im Zimmer mit deinen Puppen gespielt“, erzählte ihre Mutter weiter.
„Das hat mich große Überwindung gekostet. Ich hatte die ganze Zeit Angst, jemand aus meiner Klasse könnte heraus finden, dass ich mit Puppen spiele. Aber Mutti hat mich angefleht dich irgendwie im Zimmer zu beschäftigen und du wolltest unbedingt Puppen spielen“, warf Tom ein.
„War das der Abend, als du meiner Barbie die Haare abgeschnitten hast?“, fragte Neele, den Blick immer noch auf das Foto gerichtet.
Tom lachte. „Ja, genau. Du wolltest mir Ken nicht zum spielen überlassen und ich habe mich geweigert mit einer weiblichen Puppe zu spielen. Also habe ich kurzerhand der Barbie eine Männefrisur verpasst.“
Ihre Mutter lachte nun ebenfalls. „Ihr wart schon ein verrückter Haufen. Alle beide. Als wir euch dann endlich ins Wohnzimmer gerufen haben, ist mir Tom vor lauter Erleichterung um den Hals gefallen. Ich glaube noch eine Stunde mit den Puppen zu spielen, hätte ihm den Rest gegeben.“
„Papa hatte die Tür kaum geöffnet, da ranntest du auch schon zum Baum, warfst sämtliche Geschenke zur Seite, bis du Bendo entdeckt hast. Deine kleinen Hände umklammerten diesen Hasen und haben ihn den ganzen Abend kaum los gelassen. Selbst an den Tisch zum Essen hast du ihn mitgenommen“, erzählte Tom.
„Ja, ich weiß wieder“, sagte Neele auf einmal, stellte das Bild zurück und drehte sich zu den beiden um. „Sein Arm ist in meiner Suppe gelandet und ich fing an zu weinen. Aber Dominik hat ihn genommen, ging mit ihm ins Bad und gab ihn mir unversehrt zurück. Ich glaube er hat ihn abgewaschen und geföhnt.“
Ihre Mutter nickte, dieses Mal hatte sie Tränen in den Augen. „Ja, dann hat er dir über den Kopf gestrichen und gesagt, er ist wieder ganz der Alte. So ein bisschen Suppe tut doch einem Hasen nichts.“
Neele lächelte, ging zu ihrer Mutter und legte ihr einen Arm um die Schulter. „Was haltet Ihr davon, wenn wir etwas Stimmung in dieses triste Haus bringen, ein paar Plätzchen backen, Musik auflegen und dann zur gewohnten Zeit die Bescherung machen?“
„Ich bin dabei. Wo ist der Zimt? In diesem Haus muss es nach Zimt riechen. Es ist Weihnachten!“, sagte er und lachte.

(c) Tinkerbelle

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