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 Weihnachtsgeschichten
Leselust Offline



Beiträge: 2.098

28.10.2008 14:43
RE: Der Weihnachtsengel Antworten

"Ich - bin - aber - kein - Engel!"
Sie unterstrich jedes Wort mit einem dielenerschütternden Aufstampfen, rechts-links-rechts-links-rechts. Hilde Wolters seufzte resigniert und zwang sich zur Ruhe, ehe sie ihrer Tochter antwortete.
"Helene, wir haben das doch schon mehr als einmal erklärt. Fine spielt dieses Jahr die Maria, sie ist neu in der Gemeinde, und sie hat sehr gut vorgespielt, also wirst du mal nett sein und ihr die Rolle überlassen." Sie lächelte. "Engel sind doch nichts Schlechtes! Engel sind immer total schön und haben Flügel, und außerdem weiß der Engel ja viel mehr als Maria!"
"Engel sind doof. Die Maria ist die Mutter von Jesus, und der Engel nicht. Und außerdem macht Maria lauter spannende Sachen, nach Bethlehem reisen, ein Kind kriegen, durch die Wüste fliehen, und Besuch und tolle Geschenke kriegt sie auch." "Die Geschenke kriegt Jesus", wandte die Mutter etwas lahm ein. Helene wischte den Einwand beiseite. "Nee. Der war ja noch ein Baby, was soll der zum Beispiel mit Gold? Das hat doch die Maria gekriegt. Und wenn nicht, hatten die Könige bestimmt noch irgendwas für sie, ich meine, wenn wir zu 'ner Taufe gehen, bringen wir doch auch der Mutter was mit, Blumen oder Schokolade oder so." Die Mutter lachte. "Das ist doch vielleicht eine tolle Idee für das Krippenspiel, schlag das doch vor: die Könige bringen der Maria auch eine Kleinigkeit mit, nicht nur dem Jesuskind. Und dem Josef vielleicht auch?" Helene schüttelte den Kopf: "Der ist bloß 'n Mann, der kriegt nichts."
"Tochter, du bist gemein", dröhnte es mit gespieltem Ernst aus der Küche. Seneca (wie seine Lateinschüler ihn nannten, seit er verkündet hatte, man müsse auch Schüler menschlich behandeln) ordnete Salamischeiben und Tomatenspalten auf einem Teller an. Das war das richtige Stichwort: "Engel sind nie gemein", verkündete Helene triumphierend. "Ich kann keinen Engel spielen." Hilde grinste. "Mit dem Argument kannst du auch die Jungfrau Maria nicht spielen." Ihre Tochter sah einen Augenblick aus, als wolle sie wieder aufstampfen oder weinen, ihre Mundwinkel zitterten - dann lachte sie los. Die Eltern schlossen sich an.
Nach einer besänftigenden Unterbrechung durch das Abendbrot fuhr Helene ruhiger fort: "Ich kann aber den Engel nicht spielen. Meine Haare sind fast schwarz. Das passt zu Maria, die war ja Jüdin, unser Relilehrer hat gesagt, die sind oft dunkelhaarig. Aber Engel sind blond, immer." "Moment mal", wandte Seneca ein (dessen Spitznamen die Familie begeistert übernommen hatte), "erinnerst du dich noch an die letzten Sommerferien, Isenheimer Altar? Du hast selbst bewundert, dass da grün- und rothaarige Engel zu sehen sind." Er hatte seine Tochter unterschätzt. "Aber der Verkündigungsengel ist blond, und er hat Locken." Das stimmte genau, gute Beobachtungsgabe, dachte der Vater stolz und sah sich zugleich eines Argumentes beraubt. Er kramte ein weiteres hervor: "Schau, Fine ist neu zugezogen, sie kennt hier noch kaum Leute, muß sich zurechtfinden - sie kann wirklich jede Form der Unterstützung brauchen. Gönn ihr doch die Rolle der Maria. Sie ist doch auch ein liebes Mädchen." Aber Helene zuckte mit den Schultern und zog eine Schnute.
Beim Frühstück war nicht mehr die Rede von Engeln, Heiligen und anderen komplizierten Wesen. Der Schulbus brachte Helene zur Grundschule, der Bus der städtischen Verkehrsbetriebe die Eltern zum Gymnasium. In den folgenden sechs Stunden war Hilde vollauf damit beschäftigt, Integrale, Kurvendiskussionen und den Aufbau der Atome in Schülerhirne zu verpflanzen, Seneca bewegte sich durch verschiedene Stufen mangelnden Formenwissens, wachte über einen klausurschreibenden Leistungskurs und wurde von einem Referat über einen Oberschülern eher unbekannten Wissenschaftler aufs freudigste überrascht. Freud und Leid eines Lehreralltags ließen ihn die Weihnachtsspielsorgen seiner Tochter völlig vergessen, bis er sie aus der Hortklasse abholte und empfangen wurde mit dem energischen Ausspruch: "Aber den Engel spiel ich nicht!" "Du lieber Himmel," er lächelte gequält, "was ist denn so schlimm an Engeln?" Aber seine Tochter hüllte sich in hoheitsvolles Schweigen und antwortete nur einsilbig auf Fragen zum Schulgeschehen, die nichts mit Weihnachten zu tun hatten.
Während Helene in ihrem Zimmer malte - so leise, dass es fast unheimlich war -, versuchte Seneca, sich auf die Korrektur eines Stapels Hausarbeiten zu konzentrieren. Aber die von seinem Namensgeber gepriesene Mischung aus Seelenruhe und Gerechtigkeit wollte sich nicht einstellen. Zwischen leisem Groll über immer noch nicht begriffene Ablativfunktionen, Ärger über schlechte Formulierungen und nachsichtigen Seufzern über individuelle Schriftbilder schwirrte ein goldgeflügelter Gedanke wie ein zürnender Engel nervtötend durch sein Hirn: "Meine Tochter will einem anderen Mädchen nichts abgeben. Sie will den Engel nicht spielen."
Hilde kam nach Hause, lobte etwas geistesabwesend die Bilder ihrer Tochter, küsste ihren Mann, kochte Kaffee und Kakao. Endlich saßen sie wieder zusammen am Tisch; herrlich dies Ritual am Nachmittag! Hilde seufzte. "Leute, ich bin kaputt. Erzählt mal, wie es bei euch war." Ihr Mann lächelte, wandte sich an Helene: "Fang du an."
"Ich hab gemalt", verkündete das Mädchen. Die Mutter sah schuldbewusst drein. "Ich hab mir deine Bilder gar nicht richtig angesehen, Schatz. Holst du sie bitte noch mal?" Helene huschte in ihr Zimmer und kam mit drei farbenprächtigen Buntstiftzeichnungen zurück. Alle zeigten Maria, einmal alleine, einmal mit dem Jesusknaben auf dem Arm und einmal mit Josef und dem Kind in der Krippe.
Die Bilder waren gelungen, aber etwas ließ die Eltern innerlich zusammenzucken: Überall war die Gottesmutter brünett und blauäugig, wie die Künstlerin selbst. Nach ausführlichem und ehrlichem Lob schwiegen sie kurz, dann begann Hilde: "Bist du immer noch traurig, dass du dies Jahr den Engel spielst?" "Ich spiel nicht den Engel, ich spiel die Maria." Seneca grummelte: "Mensch Tochter, nun sei doch nicht zickig. Die Maria spielt diesmal Fine, so ist es längst abgemacht, und damit gut." Aber gut war es nicht für Helene! "Engel kann ich nicht spielen. Und wieso soll Fine denn nicht den Engel spielen?" "Weil Fine pummelig ist, das ist in Ordnung für eine Frau, die gerade ihr Baby gekriegt hat, aber nicht für einen Engel. Engel sind schlank." Der Vater grinste bei dieser Ausführung, aber Helene mochte nicht lustig sein. "Außerdem", trumpfte sie auf, "sind Engel langweilig. Engel sind immer bloß lieb und so. Nie spannend." Seneca lachte leise auf. "Tochter, das ist nicht wahr", sagte er. "Erstens gibt es Vorstellungen - auch Bilder! - von Engeln mit Flammenschwertern, von Todesengeln, von Engeln des Gerichtes. Und zweitens ist der Verkündigungsengel, den du spielen sollst, zwar lieb - aber erst einmal wissen die Leute das nicht." Helene wurde neugierig. Seneca nahm einen tiefen Schluck Kaffee und fuhr fort: "Die Hirten hatten ein kleines Feuerchen, aber sonst war alles dunkel - elektrisches Licht gab es ja noch nicht. Nur unglaublich viele Sterne am Himmel, viel mehr, als man hier sehen kann. Und kalt wars und langweilig, und ein bisschen müde waren sie wohl auch. Und dann war da plötzlich ein Rauschen und Tönen von ganz hoch oben, und es wurde blitzhell, heller als am Tag, ohne dass sie sehen konnten, woher das Licht kam. Sie hatten Angst! Und dann floss dieses Licht zusammen zu einer blendend hellen Gestalt, ob Mann oder Frau, konnten sie nicht erkennen, mit riesigen weißen Flügeln an den Schultern, und ungefähr doppelt so groß wie der größte Hirte. Die Gestalt stand nicht auf dem Boden und schwebte auch nicht in der Luft wie ein Vogel, sondern stand hell am schwarzen Nachthimmel, verdrängte die Sterne!" "Mann, cool", machte Helene leise und ehrführchtig. Seneca fuhr fort: "Wie flüssiges Silber stand das Wesen da, und es tönte und rauschte wie ein ganzes Meer. Die Hirten waren alle aufgesprungen, einige klammerten sich aneinander. Und die Schafe waren ganz still und guckten nach oben. Und als die Hirten so richtig zitterten und Angst hatten und der kleinste Hirtenjunge anfing zu heulen, sagte das Wesen mit einer Stimme wie ein Sturm auf See: 'Habt keine Angst! Freuen sollt ihr euch, nur deshalb bin ich da. In Bethlehem ist nämlich ein Kind geboren, das wird die ganze Welt retten und Frieden bringen!' Und dann wurde das Leuchten, das schon fast nicht auszuhalten war, noch stärker, und es kam etwas wie Musik aus dem Leuchten, aber nicht vergleichbar mit den Liedchen, die die Hirten kannten, und auch nicht mit den Signaltrompeten der römischen Soldaten. Und dann war auf einmal alles wieder dunkel, nur so etwas wie ein milchiger Widerschein lag über der Gegend. Die Hirten rappelten sich auf, sie waren ganz aufgeregt, und dann sagte der älteste von ihnen: 'Da sollten wir hingehen, nach Bethlehem.' Ja, und das taten sie dann, und den Rest weißt du ja." Hilde strahlte; sie liebte es, wenn ihr Mann Geschichten erzählte, und vermisste es im Alltag oft sehr. Helene sah ihren Vater groß an. "Die hatten Angst? Also, der Engel war ganz groß?" Seneca nickte. "Klar hatten die Angst. Aber ohne die Angst hätten sie ihm vielleicht auch nicht geglaubt. Die waren ein hartes Leben gewohnt, und ihnen konnte nichts so leicht Eindruck machen." "Aber der Engel konnte das", nickte Helene. "Also, dann muß ich aber weiße Flügel haben, nicht goldene."

In den nächsten Wochen probte sie ständig, nicht nur im Gemeindesaal, auch zu Hause, vorm Spiegel, vor den Eltern. Es beschäftigte sie, wie sie zugleich furchterregend und engelhaft aussehen konnte. Für ein spilleriges achtjähriges Mädchen war das nicht leicht zu bewältigen! Aber endlich war mit gemeinsamen Gedankenkräften die richtige Idee ausgeheckt.

Der vierte Advent blühte aus Kerzenflammen, duftete aus Plätzchentellern. Die Bühne im Gemeindehaus war prächtig ausgestattet: Links das durch einen kleinen Olivenbaum aus Pappe gekennzeichnete freie Feld, rechts ein Haus mit angebautem offenen Stall, über allem ein funkelnder Sternhimmel. Die Hirten mit Filzhüten und Wollmänteln saßen und lagen malerisch um ein herabgesunkenes Feuer aus Kreppapier. Das Donnerblech begann zu tönen, und im grellen Scheinwerferlicht trat aus dem Hintergrund in einem weißen Gewand, mit weißen Schwanenflügeln und bläulich-weiß geflammten Gesicht, der Engel. Wie schwarze Flammen mit bläulichen Schatten standen die steifgesprayten, mit wenig Faschingsfarbe schattierten Haare ab, und leuchtend weiß war das Schwert des Engels - das er bei seinem Auftritt hoch über sein Strahlenhaupt hielt, den Griff in einer, die Spitze in der anderen Hand, und mit leisem Krachen zerbrach und hinter sich warf. Die Hirten klammerten sich entsetzt aneinander. Doch der Engel sprach zu ihnen mit einer klaren, hellen Mädchenstimme: "Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die allen Menschen widerfahren wird!"

Maria war wirklich nett. Sie sah schön aus in ihrem blauen Kleid, und sie spielte ihre Rolle sehr gut. Der Engel hatte gar nichts gegen Maria, aber tauschen wollte er nicht mit ihr.


© Claudia Sperlich

[ Editiert von Leselust am 28.10.08 15:56 ]

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