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 Weihnachtsgeschichten
Leselust Offline



Beiträge: 2.098

13.12.2008 23:02
RE: Vaters Werkstatt Antworten

Kalte und dunkle Tage brachte der Advent, erfüllt von süßlichen kitschigen Variationen alter Lieder und dem Geruch nach billigem Glühwein und teurem Kuchen.
Die ganze Familie war gereizt und angstvoll, alle sehnten sich nach Titus - und der war nirgends aufzufinden.
Mit beiden Eltern hatte er gestritten, war von zu Hause weggelaufen; seit sechs Wochen hatten wir keine Nachricht von ihm. Ich entsann mich dieser ewig wiederholten Diskussionen, entsann mich, wie Titus den Vater angebrüllt hatte, niemals werde er die Werkstatt übernehmen, entsann mich, wie der Vater - auch nicht eben im Flüsterton - erwidert hatte, er habe die Werkstatt für die Familie aufgebaut, er sei ein angesehener Handwerker und wolle keine Faulpelze als Söhne.
Ich schrie, Titus sei überhaupt kein Faulpelz, und sah ein winziges Lächeln auf dem geliebten Gesicht des Bruders. Mutter hieß mich mit einem Blick schweigen. Titus warf die Tür geräuschvoll zu und ging fort; ich hörte Vater etwas murmeln von Hunger haben und wiederkommen und Mutter ihren Mann wegen seiner Grobheit anfahren. Später aßen wir schweigend; jeder lauschte, ob nicht irgendein Geräusch an der Tür zu hören sei.
Tage und Wochen vergingen. Vergeblich befragten wir unsere Freunde, vergeblich wurde die Polizei alarmiert, die sagte, Titus sei volljährig, gleich was die Eltern befürchteten; seine Entscheidung sei es, ob er bleibe oder gehe. "Hast du Titus gesehen?", war Tag für Tag die bange Frage der Mutter, wenn ich von der Schule kam - antworten konnte ich niemals.
"Was gibts Neues?", sagte Vater Tag für Tag mit gezwungenem Lächeln, wenn er von der Werkstatt nach Hause kam, und Mutter antwortete mit dem gleichen Lächeln: "Nichts". Im Traum sah ich meinen Bruder in einer fernen Wüste oder einem Urwald; er rief mich, und ich versuchte vergeblich, ihn einzuholen. Ich fürchtete mich vor dem Schlaf.
Rorate kam, der vierte Adventsonntag. Die Geschenke verpackt, die Wohnung erfüllt von gespannter Erwartung, schwankten wir alle zwischen Angst und Hoffnung. Für die Eltern hatte ich keine Geschenke; ich hatte ihnen Bilder malen wollen, war aber mit meinem Werk nicht zufrieden. Nur das Bild für meinen Bruder gefiel mir; es zeigte zwei in einem Palmenhain sitzende Jungen.
Die vierte Kerze brannte, Mutter schenkte Kaffee ein und Milch für mich. Ich wollte lieber allein in meinem Zimmer malen und vielleicht ein bißchen weinen, die Eltern aber bestanden auf meiner Anwesenheit. Vater schnitt drei Stücke Kuchen ab, legte das Messer für ein viertes Stück an, zögerte, legte das Messer wieder hin. Die Türglocke schellte, Mutter sagte: "Wird unser Nachbar sein, er hat ein bißchen Mehl geborgt." - Ich stand auf und lief zur Tür. Bleich stand Titus vor mir und setzte seinen gewichtigen Rucksack ab. Stumm starrte ich ihn an, und er ließ sich plötzlich auf ein Knie nieder, umarmte mich und murmelte: "Mein kleiner Bruder, wie geht es dir? Ich hab dich vermißt."
"Bleiben Sie doch nicht draußen, Herr Fischer", rief die Mutter, "und bitte lassen Sie die Tür nicht offenstehen, es ist kalt!" Mein Bruder erhob sich, streichelte mir behutsam das Gesicht, nahm seinen Rucksack auf und trat vorsichtig ein. Stumm und großäugig blickten die Eltern ihn an. "Tag", sagte er schüchtern, "wie geht es euch?" Kurze Zeit schwiegen alle, dann schrie Mutter auf: "Titus", schloß ihn in die Arme, während Vater heiser wiederholte "Titus, Titus, mein Sohn." Titus befreite sich aus der Umarmung, und wieder herrschte Schweigen, bis ich ihn fragte, wo er denn nun gewesen sei. "Ein Freund hat mich aufgenommen", sagte er, "ein Student; er hat mich beherbergt in seinem winzigen Zimmer." Er setzte sich und fügte in entschuldigendem Tonfall hinzu: "Es war nicht seine Idee", kramte aus der Tiefe seines Rucksacks ein Dokument, legte es auf den Tisch und verkündete, er habe sich in der Universität eingeschrieben. "In welcher Fakultät?" wollte Mutter wissen, und Vater fragte bedächtig, ob er Architekt oder Ingenieur werden wolle. Der Angesprochene verneinte durch heftiges Kopfschütteln, sagte dann mit strahlendem Lächeln: "Philosophie will ich lernen. Und Philologie", worauf Vater ihn gedankenvoll anblickte und ein viertes, ziemlich dickes Stück Kuchen schief abschnitt. Mutter stand auf, holte Teller und Tasse, schüttete reichlich Kaffee in letztere.
In den nächsten Tagen fragten die Eltern viel über diese geheimnisvollen Fächer. Titus erklärte viel Wunderbares, das mich Bilder in leuchtenden Farben erdenken ließ, ohne daß ich genau wußte, was seine Worte mit meinen Werken zu tun hatten.
Heiligabend kam, die geschmückte Tanne strahlte. Auch für die Eltern hatte ich ein Bild fertiggebracht – es zeigte einen mit glitzernden vielfarbigen Sternen angefüllten Himmel. Alle bekamen wunderschöne Geschenke; Titus verteilte Bücher, und Vater hatte für Titus und mich wohlgefüllte Werkzeugkisten gemacht, die er uns verlegen überreichte mit den Worten: "Ich weiß ja nicht, ob euch das was nützt." Die Kisten waren wirklich hübsch, gut geeignet, um Farben darin aufzubewahren, und Werkzeuge könnte man wahrscheinlich auch irgendwann brauchen, also dankte ich von Herzen. Titus umarmte den Vater lächelnd und sagte: "Als Student brauche ich unbedingt Werkzeug - wenn ich wenig Geld habe, muß ich kleinere handwerkliche Arbeiten schon selber machen."
Später rief mich Vater beiseite und sagte: "Die Werkstatt wird also dir gehören", aber lügen wollte ich nicht und sagte, nein, erklärte dem verunsicherten Vater, Maler wolle ich werden. Als Mutter das hörte, zeigte sie mit einer Mischung aus Stolz und Zärtlichkeit auf meine Bilder und sagte: "Kein Wunder, schau mal, was unser Künstler da geschaffen hat."

© Claudia Sperlich

[ Editiert von Leselust am 13.12.08 23:08 ]

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